Enduro-Boxer Tour Finnland/Russland

Edition 2017

Meine GS und ich haben ja schon diverse Enduro-Touren gemeistert, aber diese sollte die härteste bis dato werden. Ein Offroad-Erlebnis der besonderen Klasse. Mit dem Boxer ins finnisch-russische Grenzgebiet.

Jedoch handelt es sich bei diesem Boxer nicht um ein Serienfahrzeug, sondern um einen Umbau von SWT-Sports aus Üchtelhausen. Manuel Schad hat sich mit seiner eigenen Firma schon im jungen Alter als erfahrener und erfolgreicher Enduristi auf den Umbau und die Verbesserung der Geländeeigenschaften der betagten aber zuverlässigen 2V-Boxer spezialisiert.

Diesen Sommer war es auch bei mir so weit und mein R100 Rallye-Umbau war vollendet. Für mich als 4V GS Fahrer schon eine gewaltige Umstellung jetzt ohne jegliche Assistenz-Systeme und mit höherem Fahrwerk ins Gelände zu fahren. So sehr ich meine R1200GS doch schätze und liebe, so sehr juckte es mich jetzt in den Fingern, endlich den Gashahn aufzudrehen und zu schauen, wie die neue „alte Dicke“ und ich harmonieren.

 

 

 

Das Abenteuer beginnt am 09.Juli. Meine Mitstreiter Andy und Wolfgang reisten ebenso wie ich per Flugzeug nach Helsinki während unsere Motorräder auf einer 2-Tages-Etappe im Transporter den Landweg antraten.

 

Motorradfahren und Kultur kombiniert, nutzten wir den Anreise-Tag um uns einen ersten Eindruck von Land und Leuten zu verschaffen. Gerade im Sommer ist die finnische Hauptstadt eine Reise wert. Mildes Klima, gute Seeluft, eine junge lebendige Stadt. Ob der Stadtstrand, eine Bootsrundfahrt oder die Altstadt laden hier zum Sightseeing ein.

Für mich überraschend sandig begrüßten uns die Wege durch die finnischen Wälder. Ob als lange Piste oder mitten im Wald gelegene Enduro-Strecke, tiefer Sand forderte bereits am ersten Tag fahrerisches Können und Schweiß. Doch nicht nur Sand, auch schmale Trails und verwachsene Waldwege führten uns gen Ziel an der Ostsee. Leider forderte Tag 1 auch seinen technischen Tribut. Die Vulkanisierung meiner Kardanwelle löste sich, welches den Verlust des Vortriebes zur Folge hatte. Nach ca. 50km Offroad war Schluß. Glück im Unglück - noch relativ nahe der Zivilisation organisierte Simo einen Bekannten mit Transporter, Manuel nahm mein Bike und mich ins Schlepptau und an der nächsten Strasse ging es dann auf 2-Achsen zur Werkstatt eines Bekannten. Dank eines gut ausgestatteten und freundlichen Schweißers und den Drehertalenten von Wolfgang ließ sich ein Adapter fräsen und anschweißen, welcher nun bis in alle Ewigkeit den Boxer nach vorne treiben sollte. Der hierdurch entstandene mehrstündige Zeitverlust führte nun leider zu einer Weiterfahrt auf der Autobahn um noch zeitgerecht unser abendliches Ziel, eine Blockhütte an der Ostsee zu erreichen. Und wenn man schon in Finnland „Urlaub“ macht, ist ein Saunagang natürlich obligatorisch. 

 

Fahrtag 2 startet mit einem typisch finnischen Frühstück - einem Porridge ähnelnden Haferbrei. Gut, ist Geschmackssache, gehört aber dazu. Gefolgt von einem Besuch der Wechselstube vor der russischen Grenze und dem kleinlichen Papierkram, welcher eine Einreise nach Russland erst möglich macht.  Neben einem Visum in entsprechend großzügigem Zeitraum vor Reiseantritt bereits in Deutschland beschafft, lehrte die Erfahrung der Vorjahre, sich die nötigen Blankoformulare bereits im Voraus zu beschaffen um diese in Ruhe ausfüllen zu können. Hubraum, Wert des Motorrades (natürlich sehr tief angesetzt), Fahrtstrecke, Zeitraum, Ausweisnummern etc. wollten in in winzig kleine Felder auf einem Notizzettel großen Blatt Papier handschriftlich eingetragen werden. Hat man sich verschrieben, wurde dies mit unzähligen roten Stempeln von den Grenzbeamten während des Grenzübertritts markiert. Scheinbar ist man in Russland ebenso darum besorgt, keinen Touristen zu verlieren wie auch keine ungewollten neuen Einwohner zu generieren. Letzteres schien mir jedoch eher unwahrscheinlich. Nach 2 Stunden war auch der Grenzübertritt geschafft und die Route führte uns weiter nach Wyborg. Auf einem Supermarkt Parkplatz vergrößerte sich unsere Fahrgemeinschaft noch um einen lokal erfahrenen Biker, Mika und dessen Kumpel Aki. Achja, Hunger haben wir die nächsten Tage bestimmt auch. Also in dem vor Ort überdimensionierten Supermarkt noch die Vorräte aufgestockt bevor es weiter ging. Alle Stops waren jedoch bereits im Voraus von Manuel und Simo einkalkuliert so das diese Tour bestes organisiert war.

Kaum die Stadt verlassen, verwandelten sich die ordentlichen Teerstrassen in artgerechtes Terrain für unsere Enduros. Mit jedem Kilometer stieg die Zahl der Schlaglöcher, die Wälder wurden sumpfiger, das Gras auf den Wiesen höher, die Maschinen und Fahrer dreckiger und die Zivilisation rückte Stück für Stück in die Ferne. Zwar gibt es auch in der entlegensten Region im GPS eingezeichnete Wirtschaftswege, doch wann diese das letzte Mal genutzt wurden ist eher unklar. Wir stießen also auf komplett zugewachsene oder einen halben bis einen Meter tief unter Wasser stehende Waldwege. Auch umgestürzte Bäume forderten den Einsatz der mitgeführten Säge. Unser heutiges Tagesziel war ein ehemaliger russischer Militärflugplatz, welcher genügend Spielfläche für Dirtbikes bot. Für mich als ehemaliger Militärflieger war dieser Anblick zwar bekannt, neu allerdings einen Flugzeug-Shelter mit dem Motorrad zu befahren. Genüsslich ausgetobt suchten wir uns  anschließend einen gemütlichen Platz für unser Zeltlager, führten eine Nachpflege der Motorräder durch und ließen uns bei russischem Bier vom Koch des Tages - Wolfgang - mit Spaghetti Bolognese verköstigen.

Die folgenden Tage verliefen ähnlich. Ca 250 Tageskilometer, davon 80% Geländefahrten und gute 10  Stunden im Sattel. Ein Abstecher auf eine 25km lange Landzunge in der Ostsee ließ einen die landschaftliche Schönheit dieser oft unberührten Natur spüren. Bis auf einen Tag bestes Wetter, führte uns die Strecke von der Ostsee wieder durch sumpfige Wälder, über verfallene Holzbrücken, durch steile Senken und dichte Wälder. Ob ehemalige Geschützstellungen am Ladogasee, Bunker mit umgestülptem Betondach, Raketenstellungen oder Panzersperren…immer wieder wurde uns auf dieser Tour die Tragik des Krieges vor Augen geführt. Tausende Menschen verloren während des 2. Weltkrieges entlang der ehemaligen finnischen Grenze und in Sankt Petersburg ihr Leben.

 

Doch die Millionen-Metropole scheint sich zumindest optisch gut vom Kriege erholt zuhaben. Im Vergleich zu den Orten im Umland kommt das Zentrum von Sankt Petersburg fein herausgeputzt daher. Tolle Fassaden, saubere Strassen und viele Sehenswürdigkeiten locken jährlich Massen von Touristen hierher. Übernachtet wurde in Aqua-Hostel. Ein umgebautes Schiff, welches farbenfroh und modern stadtnah vor dem Kirow-Stadion verzurrt in der Newa schwimmt.

Per Bustour und zu Fuß erkundeten wir die Innenstadt so gut es bei strömendem Regen ging. Zum Glück hatte der Wettergott Erbarmen mit uns und ließ am folgenden Tag die Biker-Sonne über Karelien strahlen. Wir hatten nun kaum die Stadtgrenze des ehemaligen Leningrads verlassen, folgten wir Mika auf Waldpisten zu einer verlassenen Raketenstellung. Ich staunte nicht schlecht als er mir auf meine Frage woher er sich eigentlich so gut hier auskenne sein Navi-Display zeigte. Auf einer Topografischen Karte war nahezu jeder mögliche Weg bereits mit erfahrenen Tracks bedeckt. Na das leuchtet ein…

Nach 5 Stunden offroad erlebte ich am Nachmittag eine Kaffeepause der besonderen Art. In einem kleinen Hotel, welches bei der letztjährigen Tour als Unterkunft diente, begrüßte uns ein Garten voller Weltkriegs-Devotionalien. Panzergranaten, Flugzeugteile, Munition, Ausrüstungsgegenstände…alles ordentlich im wirklich urigen Cafe, in Regalen und im Vorgarten des Besitzers wie in einem Museum aufgestellt.

So vergingen weitere 2 Tage offroad, Dreck, Schlamm und Schweiß bis wir schließlich nach 1400km, einer Woche und voller neuer Eindrücke wieder unseren Ausgangspunkt Kouvola in Finnland erreichten. 

 

Dank unseres Begleitfahrzeuges trafen wir jeden Abend sicher auf unser Gepäck und unsere Vepflegung. Manuels und Wolfgangs gute Vorsorge bot die benötigten Ersatzteile direkt vor Ort, Simos und Mikas Ortskenntnis führte uns sicher durch den Tag und das tolle Teamwork meiner Mitfahrer rundete letztendlich dieses einzigartige Event für mich ab. Jeden Juli ist diese Tour geplant und über Manuel Schad (SWT-Sports) buchbar. Eine Empfehlung für jeden Dickschiff-Fahrer der fernab der geschotterten Alpenpässe und Endurotrainings einmal eine neue Herausforderung sucht.

die 2016er Edition


update: 01.10.17

 

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